1968 schickt die Sowjetunion zwei hungernde Steppenschildkröten einmal um den Mond – und beide überleben.
Während die Welt auf Apollo starrt, läuft im Hintergrund ein Experiment, das eher nach Science-Fiction klingt als nach Raumfahrtprotokoll.
Die Nacht, in der zwei Schildkröten Mondgeschichte schrieben
Eupatoria, Kontrollzentrum der UdSSR, 14./15. September 1968.
Auf den Monitoren: Zond 5, eine Sojus-Variante, unterwegs Richtung Mond – mit einer biologischen Mini-Arche an Bord.
In der Kapsel: Fruchtfliegen, Würmer, Pflanzen, Bakterien.
Und das Kurioseste: zwei Testudo-horsfieldii-Schildkröten, plus ein 1,75 Meter großer Dummy-Kosmonaut voller Strahlungssensoren.
Der Plan ist brutal klar: Erst Tiere riskieren. Dann Menschen.
Die Schildkröten sind seit Tagen vor dem Start auf Null-Diät, um die medizinischen Effekte maximal sauber messen zu können.
Der Flug läuft alles andere als sauber.
Ein verschmutzter Mechanismus, falsch montierte Sensoren, blockierte Sternoptiken – NASA-Analysen sprechen später von einem „hochriskanten“ Profil, das für Menschen inakzeptabel gewesen wäre.
Höllenritt, Wasserlandung, Obduktion
Beim Rückflug trifft die Kapsel die Erdatmosphäre hart.
Der Hitzeschild von rund 5.400 Kilogramm glüht, die Beschleunigungen sind für kleine Reptilien eigentlich jenseits der Komfortzone.
21. September, Indischer Ozean.
Zond 5 platscht ins Wasser, wird vom sowjetischen Schiff „Borovichy“ geborgen, nach Bombay gebracht, dann per Antonow zurück in die UdSSR geflogen.
Als Techniker die Luke öffnen, schauen ihnen zwei lebende, aber abgemagerte Schildkröten entgegen.
Rund 10 % Gewichtsverlust, eine vermutlich verletzte Augenpartie – aber sonst erstaunlich stabil, wie spätere Fachberichte der sowjetischen Biomedizin festhalten.
Ihre Belohnung ist gnadenlos:
Die Tiere werden kurz nach der Landung getötet und obduziert – Gewebeproben, Organanalysen, detaillierte Studien zu Strahlung, Knochendichte, Stoffwechsel.
NASA und westliche Observatorien, etwa Jodrell Bank in Großbritannien, verfolgen den Flug aufmerksam.
Dort fangen Astronomen eine menschliche Stimme über Zond 5 ab – für Stunden wirkt es, als hätte Moskau heimlich einen Kosmonauten um den Mond geschickt.
Später stellt sich heraus: Es waren aufgezeichnete Funksprüche realer Kosmonauten, Trainingsmaterial für ein nie realisiertes sowjetisches Mondlandeprogramm.
Das geheime Erbe der „Kosmo-Schildkröten“
Zond 5 kommt bis auf 1.950 Kilometer an die Mondoberfläche heran – ein Meilenstein, noch Monate vor Apollo 8.
Die Schildkröten liefern der Sowjetunion einen biologischen Beweis: Ein Umlauf um den Mond ist für Wirbeltiere grundsätzlich überlebbar – trotz Strahlung, Schwerelosigkeit, Temperaturstress.
Sie bleiben keine Ausnahme.
Weitere Missionen wie Zond 6 und Zond 8, später Sojus 20 (1975, 90 Tage Schildkröten im Orbit), führen das bizarre Kapitel „Reptilien im All“ fort.
Parallel testet die Raumfahrt weltweit ein ganzes Arsenal an Spezies:
- Fruchtfliegen im V-2 (1946)
- Affen wie Albert II, Able und Baker
- Hunde wie Laika, Belka und Strelka
- Mäuse, Fische, Spinnen, Katzen und mehr
Zwischen 1948 und 1961 fliegen laut historischen Übersichten 48 Hunde, 15 Affen und 2 Kaninchen für die UdSSR ins All – 27 sterben.
Die zwei Schildkröten von Zond 5 überleben den Mond.
Nur nicht die Neugier der Menschen.
Source: Xataka
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