In vielen Küchen passiert immer wieder dasselbe: Liegen zwei Geschirrtücher bereit, greift man meist zu dem älteren und schon deutlich benutzten. Und tatsächlich scheint dieses alte Tuch das Geschirr oft besser zu trocknen als ein frisch gekauftes.
Das ist nicht einfach eine schrullige Angewohnheit im Haushalt. Laut Rebecca Van Amber, Professorin für Mode und Textilien an der RMIT University, hat dieses Phänomen eine klare wissenschaftliche Grundlage.
Die Wissenschaft hinter der Saugfähigkeit
Geschirrtücher bestehen meist aus Baumwolle oder Leinen. Diese natürlichen Zellulosefasern sind hygroskopisch, sie ziehen Wasser also an und können es gut aufnehmen.
Entscheidend ist aber nicht nur die Faser an sich. Wie gut ein Tuch saugt, hängt von einem komplexen Zusammenspiel aus Faser, Garn, Gewebestruktur und den Ausrüstungen ab, die während der Herstellung aufgebracht werden.
Textilien nehmen Wasser auf zwei Ebenen auf: im Inneren der Faser selbst und in den Zwischenräumen zwischen den einzelnen Fasern und Garnen.
Darum ist die Gewebestruktur so wichtig. Bei Hand- oder Badetüchern sorgt ein Frottiergewebe mit vielen Schlingen dafür, dass die Oberfläche stark vergrößert wird – es gibt mehr Platz, um Feuchtigkeit zu halten.
Ähnlich ist es bei Küchentüchern. Hier kommen verschiedene Gewebearten vor: Leinwandbindung (glattes Gewebe), Köper, Waffelpiqué (gofrado) oder Frottier. Glatt gewebte Tücher, häufig mit aufgedruckten Motiven, haben eine eher gleichmäßige, flache Oberfläche. Waffelgewebe dagegen mit seiner dreidimensionalen Struktur vergrößert die Oberfläche und erleichtert die Wasseraufnahme.
Warum das alte Tuch überlegen ist
Rebecca Van Amber nennt drei Hauptgründe, warum ältere Geschirrtücher oft besser trocknen als neue.
| Faktor | Wirkung auf die Saugfähigkeit |
|---|---|
| Industrielle Ausrüstung | Weichmacher und Beschichtungen können Wasser abweisen und die Aufnahme zunächst verschlechtern. |
| Einlaufen durch Waschen | Garn entspannt sich, das Gewebe wird dichter und dicker, die effektive Oberfläche steigt. |
| Materialalterung | Feine Faserbrüche machen die Oberfläche rauer und „flauschiger“, Wasser verteilt sich besser und wird leichter aufgenommen. |
1. Industrielle Ausrüstung
Viele neue Textilien werden mit Silikonweichmachern oder ähnlichen Ausrüstungen versehen. Diese sorgen für ein angenehmes Griffgefühl und machen den Stoff knitterärmer.
Der Nachteil: Solche Beschichtungen können teilweise wasserabweisend wirken. In der Praxis kann das neue Geschirrtuch also eine dünne Schicht tragen, die die Saugfähigkeit deutlich mindert.
Daher empfiehlt es sich, ein neues Tuch vor dem ersten Einsatz mit heißem Wasser zu waschen, um diese Rückstände möglichst zu entfernen.
2. Der Effekt des Waschens
Während der Herstellung stehen Gewebe unter Spannung. In den ersten Waschzyklen – nach Angaben der Expertin bis zu etwa sechs Wäschen – kommt es zum sogenannten „Relaxationsschrumpf“: Die Garne kehren in einen natürlicheren, entspannteren Zustand zurück.
Das Tuch kann dabei zwar etwas kleiner werden, seine Masse bleibt aber gleich. Es wird dadurch insgesamt dichter und dicker. Bei Waffelgeweben verstärkt dieser Prozess die dreidimensionale Struktur zusätzlich, was die Saugfähigkeit noch weiter verbessert.
3. Alterung des Materials
Wiederholtes Waschen und Trocknen verursacht kleine Oberflächenschäden: Winzige Faserenden stellen sich auf und bilden eine weichere, voluminösere Oberfläche.
Ganz glatte Flächen erschweren die Benetzung, weil Wasser dazu neigt, Tropfen zu bilden und eher abzuperlen. Mit zunehmender Rauigkeit sinkt der Kontaktwinkel, das Wasser kann sich besser verteilen und wird leichter aufgenommen.
Wenn Abnutzung ein Vorteil ist
Verschleiß bedeutet bei Geschirrtüchern also nicht automatisch, dass sie schlechter werden. Im Gegenteil: Ein gewisses Maß an Abnutzung kann sie gerade in ihrer Kernaufgabe – dem Aufnehmen von Wasser – sogar besser machen.
Bevor ein ausgefranstes, älteres Küchentuch entsorgt wird, lohnt sich daher ein zweiter Blick: Möglicherweise befindet es sich genau jetzt auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit.
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